Deutscher Gewerkschaftsbund

07.11.2022

Interview mit Yvonne Schulski, GEW

Yvonne Schulski

Yvonne Schulski Yvonne Schulski

Förderschullehrerin

Vorsitzende des DGB Rhein-Lahn

Vorsitzendenteam GEW Rhein-Lahn

Mitglied im Leitungsteam Landesfachgruppe Sonderpädagogischer Berufe in der GEW

Mitglied im Bezirkspersonalrat Förderschulen

Mitglied im Gemeinderat in ihrem Heimatort


 

Du bist seit einem Jahr Vorsitzende des DGB Rhein-Lahn, Yvonne.

Was hat dich dazu bewogen, dieses Amt zu übernehmen?

Besonders interessant sind für mich die unterschiedlichen Sichtweisen, die im Vorstand zusammenkommen. Da wir aus den verschiedenen Mitgliedsgewerkschaften des DGB stammen, beschäftigen uns die Themen aus unserer jeweiligen fachlichen Perspektive.

Schon als Kind bin ich durch das politische Interesse und Engagement meiner Eltern früh mit vielen Themen in Berührung gekommen. Immer hat dabei Solidarität mit denen, denen es nicht gut geht oder die ungerecht behandelt werden, eine große Rolle gespielt. Ungerechtigkeiten kann ich nicht leiden. Und diese Haltung passt zum gewerkschaftlichen Engagement und damit auch zum DGB. Ich hoffe, dass ich mit diesem Amt etwas dazu beitragen kann, dass sich regional die Arbeits- und Lebensbedingungen verbessern.  Ich möchte mit gewerkschaftlichen Werten das gesellschaftliche Leben mitprägen. Das halte ich für wichtig.

 

Du warst auf Einladung der neuen DGB-Vorsitzenden Yasmin Fahimi auf der Zukunftswerkstatt in Berlin und hast dort DGB-Kreisvorsitzende aus ganz Deutschland getroffen. Was hast du von dort an Impulsen oder Ideen für deine Tätigkeit mitgebracht?

Ich freue mich, dass ich die Einladung angenommen habe und nach Berlin gefahren bin, weil ich dort mit Gewerkschafter*innen aus ganz Deutschland ins Gespräch gekommen bin und ich mich mit diesen über viele interessante Themen austauschen konnte.
Ich habe die beiden Workshops "Öffentlichkeitsarbeit der KV/SV" und "Wandel ist weiblich" besucht und dabei viele verschiedene Einblicke und Ideen erhalten. Besonders interessant fand ich dabei, dass in den Blick genommen wurde, dass Frauen oft besonders von Veränderungen in der Arbeitswelt durch Pandemie, Digitalisierung und Klimaschutz betroffen sind. Ich finde es gut und wichtig, dass der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften sich dafür einsetzen, dass Frauen an diesem Wandel gleichberechtigt teilhaben und selbstbestimmt arbeiten und leben können.

Im Ganzen war das Treffen sehr spannend und ich bin gestärkt in meiner Überzeugung, dass wir zusammenstehen müssen, wenn wir etwas erreichen wollen.

 

Wie bist du zu deinem gewerkschaftlichen Engagement gekommen? Welche Auslöser gab es dafür?

Ich bin schon während des Studiums Mitglied in der GEW geworden. Dafür sprachen einmal viele Ideen der GEW, die ich teilte, aber auch ganz praktische Dinge wie Rechtsschutz und Berufshaftpflicht mit Schlüsselversicherung aber auch Fortbildungsangebote, Broschüren und die Mitgliederzeitschrift mit interessanten Beiträgen.

Der damalige Konrektor der Fröbelschule in Altendiez war überzeugter Gewerkschafter und hat mich direkt angesprochen, als ich an der Schule anfing, ob ich nicht bei der GEW mitarbeiten möchte. Jetzt bin ich seit rund zwanzig Jahren Mitglied im Kreisvorstand der GEW.

 

Gibt es Ergebnisse aus deinem Engagement, auf die du stolz bist? Die dir wichtig sind?

Die Personalratsarbeit im Bezirkspersonalrat ist eine Arbeit, die oft kleine Erfolge bringt. Wir unterstützen bei der richtigen Eingruppierung, bei Versetzungen oder Abordnungen oder auch bei Problemen im Arbeitseinsatz. Gerade für viele Teilzeitbeschäftigte ist es z.B. wichtig, nicht an fünf Tagen zu arbeiten oder nicht morgens mehrfach in der ersten Stunde eingesetzt zu werden, wenn das eigene Kind noch in die Kita gebracht werden will bzw. muss. Das betrifft viele Frauen. Und da ist es wichtig, gute Lösungen zu finden. An uns werden Anliegen herangetragen, die vor Ort nicht gelöst werden können. Unser Ansprechpartner ist dabei dann die Schulaufsicht bei der ADD, nicht die Schule direkt.

Bei vielen Belangen hilft es schon, dass wir ein offenes Ohr für Kolleg*innen haben und erstmal zuhören. Dann können wir zusammen überlegen, was denn sinnvoll ist und welche Schritte möglich sind.

Mir ist auch wichtig, dass wir als Personalrat aber auch als Gewerkschaft Kolleg*innen gut informieren und auch immer wieder dazu ermutigen, sich dafür einzusetzen, was rechtlich möglich ist. Manchmal trauen sich die Kolleg*innen nicht, weil sie das Arbeitsklima nicht negativ beeinflussen wollen, aber da habe ich die klare Haltung: ich darf mich für mein Recht einsetzen. Ich will ja nichts, was mir vom Arbeitgeber nicht schon zugestanden wird bzw. durch Verhandlungen und Tarifverträge festgelegt ist. Ich ermutige Kolleg*innen immer wieder und dazu ist es wichtig, dass sie ihre Anstellungsbedingungen kennen und auch die Veränderungen.

Ja, und darüber hinaus sind wir als Gewerkschaft natürlich auf der politischen Ebene tätig, sind im Gespräch mit Politiker*innen vor Ort im Kreis aber auch im Bildungsministerium. Hier ist mir wichtig, dass wir unsere Erfahrungen vor Ort schildern und das Ministerium darum weiß.

Das Thema Inklusion z.B. ist mir ein großes Anliegen. Rheinland-Pfalz ist in der Umsetzung schulischer Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention das Schlusslicht unter allen Bundesländern, wie eine neuere Studie zeigt, und das tut mir weh.

Inklusion bedeutet für mich dabei die Gewährleistung eines wohnortnahen und flächendeckenden Angebotes inklusiver Bildung an allen Regelschulen, um einen diskriminierungsfreien und gleichberechtigten Zugang für alle Schüler*innen zum allgemeinen Bildungssystem sicher zu stellen. Hier ist meiner Meinung nach eine Abkehr vom rheinland-pfälzischen Schwerpunktschulkonzept hin zu inklusiven Bildungsangeboten an allen Schulen notwendig.

Bei diesem Thema geht es uns vor allem um bessere Arbeitsbedingungen für Kolleg*innen und bessere Bedingungen für die Schüler*innen.

Ein wichtiger Gelingensfaktor für einen qualitativ hochwertigen inklusiven Unterricht ist mehr Personal an den Schulen, die in echten multiprofessionellen Teams arbeiten, die auf Kontinuität ausgerichtet sind und die den Umgang mit Heterogenität als gemeinsame Aufgabe wahrnehmen. An allen Schulen sind zudem die räumlichen Voraussetzungen an die Anforderungen eines inklusiven Unterrichts anzupassen. Dahingehend sind die Schulbaurichtlinien dringend zu überarbeiten. Es braucht eine Verringerung der Gruppen- und Klassengrößen. Die personelle Ausstattung der Schulleitung und der Schulverwaltung ist ebenfalls anzupassen. Wichtig finde ich auch eine Ablösung des stigmatisierenden Feststellungsgutachtens durch eine breit aufgestellte Förderdiagnostik. Hierzu müssen die rechtlichen Grundlagen im Schulgesetz und in den entsprechenden Rechtsverordnungen verändert werden.

Besonders wichtig ist zudem eine veränderte Ausbildung für Lehrer*innen. Die GEW fordert schon lange eine stufenbezogene Ausbildung, die sich von der Spezialisierung auf Lehrämter abwendet. Aus meiner Sicht müssten zudem sonderpädagogische Inhalte an alle Lehramtsstudierenden verpflichtend vermittelt werden. Denn wenn wir die Inklusion als Konzept wirklich umsetzen wollen, brauchen alle Lehrkräfte Kenntnisse darin und müssen sich für alle Kinder zuständig fühlen ohne nach »meine Schüler, deine Schüler« zu unterscheiden.

Dazu kommt, dass in den letzten Jahren alle Lehrer*innen zunehmend viele weitere Aufgaben neben dem Unterrichten übernehmen und die an sie gestellten Anforderungen immer größer werden.  Eine Anpassung der Unterrichtsverpflichtung, der Arbeitszeit und des Personalschlüsselns an die aktuellen Herausforderungen ist deshalb dringend geboten. Leider haben wir schon jetzt einen hohen Fachkräftemangel an den Schulen zu verzeichnen.

Das gilt auch für den Kita-Bereich. Die Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes läuft im Moment nicht so gut. Es gibt auch hier einen großen Fachkräftemangel. Viele Stellen können nicht besetzt werden und entsprechend groß ist die Belastung des Personals, das in den Kitas arbeitet. Dazu gibt es nach wie vor Ausfälle durch Covid-Infektionen. Und in den letzten Wochen und Monaten sind in vielen Kitas und Schulen ukrainische Kinder angekommen, deren Integration ebenfalls Kräfte bindet.

 

Du arbeitest an einer Realschule plus als Förderschullehrerin in der Inklusion. Was ist dir in deiner Arbeit als Lehrerin wichtig?

Wie eben schon gesagt, ist mir die Inklusion ein Herzensanliegen. Leider erlebe ich aktuell aber, dass die sogenannten „Schwerpunktschulen“ gar nicht so ausgestattet sind, wie es für einen qualitativ hochwertigen inklusiven Unterricht notwendig wäre. Und das ist schade. Dazu bräuchte es kleinere Lerngruppen, mehr Personal und vieles mehr, wie oben schon geschildert.

Also, in der Umsetzung der Inklusion ist noch viel Luft nach oben und ich werde nicht nachlassen, mich zusammen mit der GEW für bessere Bedingungen einzusetzen.

 

Wenn du drei Wünsche frei hättest: was wünschst du dir als Gewerkschafterin?

Ich brauche mehr als drei Wünsche, aber ich denke, dass man insgesamt sagen kann, dass ich mir mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft und besonders auch in der Bildung wünsche:

- Ich wünsche mir bessere Arbeitsbedingungen für die Kolleg*innen an den Kitas und Schulen.

- Ich wünsche mir eine gleichberechtigte und diskriminierungsfreie Teilnahme an Bildung für alle.

- Ich wünsche mir, dass sich das Selbstverständnis der Lehrer*innen dahingegen ändert, dass sich alle zuständig fühlen für alle Kinder in ihren Klassen (siehe oben).

- Letztlich wünsche ich mir ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, in dem Vielfalt und gemeinsames Lernen normal ist und die hohe Bedeutung der Bildung unserer Kinder erkannt wird und so mehr Geld und Ressourcen in die Bildung unserer Kinder investiert wird, so dass Schulen so ausgestattet werden, dass sie ihrem Auftrag nachkommen können und das ist die diskriminierungsfreie und gleichberechtigte Teilhabe aller - unabhängig von einer Behinderung, Geschlecht, kulturellen und sozialen Hintergründen, ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung, Weltanschauung, Religion, Leistungsfähigkeit, Sprache etc. – in den allgemeinen Bildungsangeboten.

Aktuell sehe ich viele Entwicklungen im schulischen Bereich kritisch. Rheinland-Pfalz kommt nicht der „Verpflichtung zur Gewährleistung eines inklusiven Bildungssystems“ nach (siehe oben). Auch die Entwicklung von privaten Schulen, wie sie auch bei uns im Rhein-Lahn-Kreis stattfindet, sehe ich mit großer Skepsis, weil hier Ausgrenzung stattfindet und eine Zweiklassengesellschaft gefördert wird. Letztlich also das Gegenteil von dem, was ich mir wünsche und wofür sich die GEW einsetzt.

 

Danke, Yvonne, für das Gespräch.


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