Deutscher Gewerkschaftsbund

19.04.2021

Interview mit Rainer Stockschläder, ver.di

Rainer Stockschläder

Privat

gelernter Maschinenschlosser,

seit 27 Jahren freigestellter Betriebsrat

 

Funktionen:

Betriebsratsvorsitzender Schäfer Shop, Betzdorf,

Mitglied im Vorstand DGB Kreisverband Altenkirchen,

Bei ver.di im Fachbereich 12 Mitglied im Vorstand der Fachgruppe auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene, Vorstandsmitglied im ver.di Bezirk Mittelrhein sowie im Landesvorstand  Rheinland-Pfalz/Saarland

Arbeitsrichter am Landesarbeitsgericht

 

Wann hat dein gewerkschaftliches Engagement begonnen? Gab es einen konkreten Auslöser dafür?

Tja, ich erzähle immer, dass ich meine zweite Unterschrift im Arbeitsleben unter den Mitgliedsantrag bei der Gewerkschaft gemacht habe. Und das war am 2. Arbeitstag in meiner Lehre als Maschinenschlosser und deshalb bei der IG Metall.

Ich kam aus der katholischen Jugendarbeit, war schon als Hauptschüler aktiv bei der CAJ, der christlichen Arbeiterjugend. Der Gedanke der Solidarität war mir also vertraut und von daher war es nur folgerichtig, dass ich mich auch in der Gewerkschaft engagierte. Und so bin ich seit 1975 Gewerkschaftsmitglied in einer DGB Gewerkschaft, erst in der IG Metall, dann einige Jahre in der IG BCE, als ich in Köln arbeitete, dann wieder IG Metall und nun seit einigen Jahrzehnten bei ver.di bzw. zunächst bei der Gewerkschaft HBV, Handel, Banken und Versicherungen.

Aus meiner Sicht kann man die Arbeitsbedingungen für uns abhängig Beschäftigte nur gemeinsam verändern und der Weg dazu ist die Gewerkschaft.

1976 war ich schon als Jugendvertreter bei den Vertrauensleuten aktiv und auch in Köln habe ich mich bei ihnen engagiert. Wir waren da in der IG BCE ein „Linker Haufen“, wir wollten in den achzigern etwas bewegen und haben uns mit unserer damals noch ziemlich konservativen IG BCE Verwaltungsstelle Köln auch ordentlich „gekappelt“, da waren wir nicht nur gern gesehen. Aber ich denke gerne an diese lebendige und streitbare Zeit zurück.

Als ich dann in den Westerwald zurückkam und bei Schäfer-Shop begann, wurden wir damals in Anlehnung an den Tarifvertrag der IG Metall bezahlt. Erst als „Brigitte Geschenke“ dazu kam, also von Schäfer-Shop gekauft wurde, änderte sich das: dieses Handelsunternehmen war im Arbeitgeberverband und nach langen Verhandlungen gab es dann 1990 einen Haustarifvertrag mit der HBV, der für alle Betriebsteile galt.

 

 

Du bist Betriebsrat. Was motiviert dich für diese Tätigkeit?

Ich sehe es als meine Aufgabe, Gerechtigkeit im Unternehmen zu implementieren und zu verkörpern. Ich empfand es immer als ungerecht, dass Angestellte im kaufmännischen Bereich anders behandelt wurden als die Leute, die im gewerblichen Teil des Unternehmens arbeiten.

Meine Devise ist: ein Betrieb bedeutet eine Betriebsvereinbarung, die für alle gleich gilt. Also: übertarifliche Bezahlung nur für den kaufmännischen Bereich geht gar nicht!

Mein Ziel war und ist die Gleichstellung aller Berufsgruppen und natürlich auch der Geschlechter. Ich habe nie verstanden, dass man da überhaupt drum kämpfen muss.

 

 

Wenn du drei Erfolge benennen würdest, welche sind das?

Bei den Beispielen, die ich jetzt benenne, war ich dabei, aber für mich sind das keine persönlichen Erfolge, sondern Erfolge von uns allen zusammen, die zusammen gekämpft haben, eben gelebte Solidarität, die uns erreichen lässt, was wir fordern.

1984 ging es um die 35 Stunden Woche. Die IG Metall und die IG Druck und Papier forderten sie. Der Arbeitskampf in der Druckindustrie dauerte 13 Wochen. Wir haben die Druckhäuser in Köln blockiert und die Auslieferung verhindert. Die Unternehmen arbeiteten mit Leiharbeitern, weil die eigenen Leuten mit uns auf der Strasse standen. Und sie konnten nur ausliefern, weil Hubschrauber einen Teil der Auflage aus den Höfen und Parkplätzen der Druckhäuser abholten, die Strassen belagerten wir und sie waren nicht zugänglich. Und da standen die DGB Gewerkschaften zusammen, unsere Vertrauensleute von der IG BCE waren da genauso dabei wie die Metaller. Da war für mich Solidarität erlebbar und wir haben damals den Durchbruch für die Arbeitszeitverkürzung geschafft. Das DGB Haus war damals unser Treffpunkt für die Organisation des Kampfes.

Ein zweites Beispiel ist die Durchsetzung eines Tarifvertrags im Schäfer-Shop. Das war nur möglich durch die Kollegen und Kolleginnen von Brigitte-Geschenke. Damit kam hier endlich Ordnung rein und Gleichbehandlung.

2010/2011 sollte bei uns die Logistik ausgegliedert werden. Das hätte bedeutet, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr unter den Tarifvertrag vom Handel fallen (Fachbereich 12 bei ver.di), sondern unter den der Logistik (Fachbereich 10), was sofort  Verluste beim Einkommen von 20 bis 30 Prozent bedeutet hätte.

Demo

Streik bei Schäfer-Shop privat

Das wollten wir natürlich nicht hinnehmen, sondern haben uns als Betriebsrat dagegen gestellt. Und mit viel Kreativität und Kampfgeist haben wir Demos organisiert und auch mal Betzdorf stillgelegt. Es gab ein großes Familienfest und der Slogan der ganzen Kampagne war: „Schäfer schlachtet seine Herde!“ Das sorgte für viel Wirbel und traf mitten ins Herz.

Als wir die Verhandlungen führten, standen viele der Kollegen und Kolleginnen die ganze Zeit draußen auf dem Parkplatz und warteten auf die Ergebnisse. Sie unterstützten uns. Auch das war gelebte Solidarität und unser Ergebnis konnte sich sehen lassen: es gibt einen Haustarifvertrag mit kaum Verlusten für die Kollegen und Kolleginnen.

 

Wie beeinflusst die Pandemie deine Tätigkeit als Betriebsrat?

Schon sehr. Mir fehlen der direkte Kontakt und die alltäglichen Begegnungen. Etwa die Hälfte von den Beschäftigten ist seit Monaten im Homeoffice. Das Sehen und Gesehen werden fällt weg. Das macht mir Sorgen, nicht alles ist online aufzufangen. Aus meiner Sicht braucht Solidarität Begegnungen im echten Leben.

 

Du bist auch Mitglied im DGB Kreisverband Altenkirchen. Was macht diese Arbeit für dich interessant?

Das ist vor allem der Blick in alle Branchen. Der Austausch aller abhängig Beschäftigten miteinander, das weitet den Blick und es fördert die Solidarität. Wir brauchen uns und wir brauchen den DGB als Dach, der das ermöglicht und dessen Aufgabe es ist, die Gewerkschaften zu einen und politisch zu vertreten.

 

Welche Themen sind wichtig für dich als Gewerkschafter? Was möchtest du in den nächsten Jahren konkret erreichen?

Bei mir steht an, einen Übergang in die nächste Generation zu organisieren. Ich werde bei der nächsten Wahl nicht mehr antreten, will aber meinen Wissensschatz und meine Erfahrungen an den neuen Betriebsrat gerne weitergeben.

Und auch als Rentner in etwa zwei Jahren werden mich die Themen weiterhin beschäftigen, die mein Leben so geprägt haben: Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichbehandlung. Ich kann gar nicht anders.

 

Gibt es sonst noch etwas, was du gerne teilen möchtest?

Aus meiner Sicht müsste der DGB mehr Gewicht haben, um sich an gesellschaftspolitischen Diskussionen zu beteiligen und uns nach außen zu vertreten. Das müssten alle Mitgliedsgewerkschaften so sehen und ihn dafür auch ausstatten.

Der Mindestlohn ist doch ein gelungenes Beispiel für gemeinsames Wirken, und war ja lange nicht unumstritten - auch in den eigenen Reihen. Oder die Beispiele, die ich aus meinem langen Gewerkschafterleben oben genannt habe und wo es noch weitere gibt. Nur zusammen sind wir stark und können etwas für uns abhängig Beschäftigte erreichen!

 

Danke für das Gespräch.

 

 

Das Gespräch führte Edith Sauerbier.


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