Deutscher Gewerkschaftsbund

09.11.2020

Interview mit Marie Grigo

DGB

Marie Grigo. DGB

Du studierst gerade an der AdA, der Akademie der Arbeit, Marie. Heute heißt sie korrekt benannt „Europäische Akademie der Arbeit“ und ist Teil der Universität in Frankfurt am Main. Du bist Studentin im 85. Lehrgang. Viele prominente GewerkschafterInnen haben dort ihre Ausbildung gemacht. Was hat dich dazu bewogen, hier zu studieren? Welche drei guten Gründe fallen dir ein?

Durch meine Arbeit als Betriebsrätin, aber auch als Gewerkschaftsaktive kam ich an der einen oder anderen Stelle an meine Wissensgrenzen. Dieses Wissen erwarte ich, an der EAdA zu erlangen.

Ich verstehe mich selbst schon als politisch eingestellte Person. Dennoch erhoffe ich mir auch eine Erweiterung des eigenen Horizonts durch die Chance, mit so vielen tollen und unterschiedlichen Menschen ein Jahr lang gemeinsam zu studieren und zu diskutieren.

Der dritte und auch entscheidende Punkt war für mich der Gedanke der Waage – in der einen Waagschale stehen die Arbeitgeber*innen und auf der anderen Seite die Gewerkschafter*innen. Nur wenn wir mit der größtmöglichen Masse an Menschen, die sich gewerkschaftlich engagieren,  auch ein großes Gewicht an Wissen in die Waagschale werfen, können wir fundiert und erfolgreich für die Arbeitnehmer*innen eintreten.

Hinzu kam für mich aber auch die riesige Chance, die die EAdA verspricht: Man kann innerhalb eines Jahres einen massiven Wissensstamm aufbauen, sich persönlich weiterentwickeln und sich dazu noch wunderbar mit Gleichgesinnten bis tief in die Nacht über politische Themen austauschen und diskutieren.

Und schon nach einem Monat kann ich folgende Zwischenbilanz ziehen:  Es ist überragend! Die Dozierenden bringen uns knackig viel Inhalt auf einem hohen Niveau rüber und meine Kommiliton*innen sind ein bunter Haufen Menschen, die für eine bessere Welt aufstehen wollen. Nur Corona und seine Auswirkungen machen uns große Angst… Ein Studium von Zuhause aus ist nicht vergleichbar mit dem Studium in Präsenz.

 

Sagst du noch etwas zu deinem Werdegang bis hierher? Ausbildung? Berufstätigkeit?

Nach dem Abitur habe ich bei ZF (zu dem Zeitpunkt noch TRW) in Koblenz meine Ausbildung zur Mechatronikerin begonnen. Diese habe ich Ende 2018 erfolgreich absolviert. Seitdem war ich als technische Assistentin in einem Entwicklungs-Bereich am Standort eingesetzt.

Ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit war seit den JAV-Wahlen 2016 auch meine Tätigkeit in der Interessenvertretung. Nachdem ich knapp zwei Jahre lang Vorsitzende der JAV war, wurde ich 2018 zur Betriebsrätin gewählt – und seit diesem September bin ich eine von fünf Freigestellten Betriebsrät*innen am Standort.

 

Wir kennen dich aus deinem Engagement in der DGB-Jugend. Wie bist du zu deinem gewerkschaftlichen Engagement gekommen? Gibt es einen konkreten Auslöser dafür?

Die Erziehung, die ich genossen habe, hat einen großen Teil dazu beigetragen. Seit ich denken kann, wurde ich so erzogen, dass ich die Strukturen, in denen ich mich befinde, auch gerne mal hinterfrage. Ebenso habe ich mich schon immer mit Freude für die Menschen um mich herum eingesetzt. Mir war schon immer wichtig, dass man sich nicht nur über die vorherrschenden Verhältnisse beschwert, sondern auch zur Veränderung des Ganzen beiträgt.

Letztendlich gab es bei mir aber wirklich einen konkreten Auslöser, mich in der Gewerkschaft zu engagieren. Gewerkschaftsmitglied wurde ich in der Begrüßungsrunde von Betriebsrat und IG Metall, kurz nachdem unsere Ausbildung begonnen hat. Mir erschien absolut schlüssig, was mir dort erzählt wurde – ich verstand sofort die Relevanz von JAV und Betriebsrat, genauso aber auch von Gewerkschaften in unserem System. Der Interessensgegensatz in unseren Betrieben war für mich sehr gut greifbar. Es gab für mich keine Diskussion, als ich am Ende der Veranstaltung gefragt wurde, ob ich in die Gewerkschaft eintreten möchte. Tatsächlich wurde mein Interesse noch weitergehend geweckt und ich wusste schon an dem Tag, dass ich mich bei der nächsten Wahl zur Jugend- und Auszubildendenvertreterin aufstellen werde.

 

Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht, die dich nachhaltig beeindrucken? Kannst du vielleicht ein oder zwei benennen?

Seit der JAV-Wahl 2016 wurde ich im Ortsjugendausschuss der IG Metall Koblenz aktiv. Es ging sehr schnell, dass wir einen Einblick in die bezirklichen Jugendstrukturen der IG Metall sowie des DGB gewinnen konnten. Das beeindruckendste ist für mich nach wie vor die Entwicklung, die junge Menschen machen können, wenn sie sich vernetzen und für ihre Interessen aufstehen. Mit meinen Freundinnen und Freunden erinnere ich mich gerne daran, wie wir unsere Aktivitäten als Interessensvertreter*innen begonnen haben und an welchem Punkt wir uns jetzt befinden. Die Gewerkschaft kann so vielen Menschen Mut und Kraft geben und Solidarität greifbar machen.

DGB

DGB-Jugend Koblenz mit Marie (im lila Shirt in der hinteren Reihe) beim Jahresabschlusstreffen 2019. DGB

Neben der Erfahrung der Solidarität fand ich es beeindruckend, welche Aktionen wir bei ZF zur Sicherung des Standortes gemacht haben. Es war schön zu sehen, dass manche Entscheidungsträger*innen doch aufmerksam für die Auswirkungen ihres Handelns werden, wenn sie die Belegschaft vorm Tor sehen.

 

Gibt es auch Erfolge oder Ergebnisse, auf die du gerne zurückschaust und die zu feiern waren?

Die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) letztes Jahr war für uns ein großes Thema. Ich denke, dass die neuen Regelungen im BBiG nicht so gut geworden wären, wenn wir als Gewerkschaften nicht an allen Ecken und Enden das Thema bespielt hätten. Wir haben zum Beispiel Politiker*innen mit unseren Forderungen überschwemmt oder sind die Diskussionen getreten. Im Internet haben wir umfassend auf unsere Forderungen aufmerksam gemacht und haben so eine große Reichweite erzeugt.

An der Stelle ist mir trotzdem wichtig zu sagen, dass ich nicht komplett zufrieden mit dem Ergebnis der BBiG-Novelle bin. Ich ärgere mich zum Beispiel sehr über die Höhe der Mindestausbildungsvergütung und noch viel mehr über die Öffnungsklausel, dass Tarifverträge die Mindestausbildungsvergütung unterschreiten dürfen. Das geht gar nicht!

 

Wo siehst du dich in fünf oder zehn Jahren mit deinem Engagement? Deiner Berufstätigkeit?

Erstmal ist Lernen angesagt. Die Europäische Akademie der Arbeit hat mir allein im ersten Monat des Studiums schon viel Wissen gegeben, aber auch Mut gemacht, dass wir als Gewerkschaften und Interessensvertreter*innen die Guten sind.

Ich möchte gerne meine Kenntnisse in der Gremienarbeit festigen und erweitern. Stillstand ist für mich das Schlimmste – daher fühle ich mich wohl, solange ich etwas bewegen kann. Ob ich meine Power weiter als Betriebsrätin investiere oder doch in die Gewerkschaft gehe, ist für mich relativ offen. Momentan bewegt sich in jedem Jahr so viel – wo ich dann in zehn Jahren lande, weiß ich selbst noch nicht. Wie sollte ich auch … jetzt bin ich erstmal an der Akademie.


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