Deutscher Gewerkschaftsbund

20.02.2024

Interview mit Peter Hilbich, IGBCE

Peter

privat

 

gelernter Elektriker

Gesamtbetriebsratsvorsitzender Lohmann GmbH und Co KG in Deutschland

Stellvertretender Konzernbetriebsratsvorsitzender für Deutschland

Stellvertretender Vorsitzender DGB Kreisverband Neuwied

Mitglied in der SPD Neuwied und Kandidat für den Stadtrat

 

Peter, wie bist du zu deinem gewerkschaftlichen Engagement gekommen?

Ich habe die Haltung: Wer etwas zum Positiven verändern möchte, muss sich selbst engagieren. Zurücklehnen und abwarten bringt nichts. Ich wurde von unserem damaligen IGBCE Bezirksleiter, Holger Zimmermann, angesprochen, ob ich mich aktiv einbringen wolle. Das war 2003.

Während meiner Lehre zum Elektriker war ich auch Gewerkschaftsmitglied, damals noch bei der Vorläuferin IG Chemie, Papier und Keramik. Dann war ich einige Jahre Mitglied bei der IG Metall und dann einige Jahre unorganisiert, ich habe in einem Handwerksbetrieb gearbeitet, wo das gar kein Thema war, wie das Leben halt so spielt.

2002 wurde ich als stellvertretendes Ersatz-Mitglied in den Betriebsrat hier bei Lohmann gewählt. Ich bin seit 1998 im Betrieb, habe hierher gewechselt. Da bin ich auch wieder Mitglied in der Gewerkschaft geworden und bei der Wahl 2010 wurde ich ordentliches Mitglied im Betriebsrat mit der Unterstützung der IGBCE.

 

 

Gruppe

Peter Hilbich mit einigen Kollegen am 1. Mai in Koblenz 2023 Privat

Kannst du etwas zu deinen unterschiedlichen gewerkschaftlichen Funktionen sagen, die du innehattest oder innehast?

Im Betrieb. In der IGBCE. Im DGB.

Ich bin Vorsitzender der Vertrauensleute, Sprecher im Betrieb für die Tarifkommission und Delegierter für die Kongresse und Konferenzen der IGBCE.

Im DGB-Kreisvorstand Neuwied bin ich stellvertretender Vorsitzender.

 

Gibt es aus deiner Tätigkeit als Betriebsrat einige Erfahrungen, die du gerne teilen möchtest?

Zwei High Lights oder auch schmerzliche Erfahrungen

Schmerzlich ist es jedes Mal dann, wenn wir trotz aller Anstrengungen nicht noch mehr für unsere Kolleginnen und Kollegen erreichen können.

Wir haben vor einigen Jahren eine kollektive Berufsunfähigkeitszusatzversicherung für alle Beschäftigte eingeführt. Ab dem 7. Monat einer Arbeitsunfähigkeit werden Leistungen gewährt. Ich freue mich jedes Mal, wenn in diesen, für die Beschäftigten schweren Zeiten, die finanzielle Belastung gemildert werden kann.

Ich erinnere mich, dass vor einiger Zeit ein Kollege mit Tränen in den Augen vor mir stand… Die Situation war folgende: er war länger krank und durch unsere Zusatzversicherung bekam er 760 € im Monat dazu. Wie er sagte, hat das verhindert, dass er pleite war. Sowas rührt einen dann auch und da sage ich mir dann: „Da hast du alles richtig gemacht“.

Wir Arbeitnehmer und -nehmerinnen zahlen einen Teil unseres Urlaubsgelds als unseren Beitrag, etwa 160 € im Jahr, den restlichen Beitrag zahlt der Arbeitgeber. Das finde ich echt eine gute Regelung, die wir da erstritten haben.

Zur Soforthilfe gibt es einen betrieblichen Härtefall-Fond. Auf diese Errungenschaft und die Zusatzversicherung bin ich als Betriebsrat stolz.

Diesen Topf bezahlt der Arbeitgeber und entscheiden tun zwei Betriebsräte zusammen mit der Geschäftsführung.

Auch hier gibt es ein Beispiel, das mich berührt hat: eine junge Kollegin starb. Sie war die Hauptverdienerin der Familie, der Mann stand da mit zwei Kindern - und die waren noch klein, und musste schauen, wie es weitergeht. Da haben wir mit einem größeren Betrag unterstützt. Davon konnte der Witwer unter anderem die Beerdigung zahlen.

In solchen Fällen kommt es auf eine wirklich gute Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung an. Wir haben seit Jahren denselben Ansprechpartner, da kennt man sich, da ist Vertrauen gewachsen. Das offene Gespräch ist wichtig.

 

Was ist für dich das Wichtige an der Arbeit im nationalen und internationalen Konzernbetriebsrat?

Was hast du dabei gelernt oder erfahren, was dich in deinem Engagement bestärkt?

Das gegenseitige Unterstützen, die Stärken der einzelnen örtlichen Betriebsräte bündeln können und für alle Kolleginnen und Kollegen die gleichen Bedingungen und Verbesserungen zu verhandeln und abzuschließen, das sind unschätzbare Vorteile im KBR.

Beispielsweise haben wir im Konzern eine Betriebsvereinbarung über Jubiläumszuwendungen, die an zwei von drei Standorten zum ersten Mal eingeführt wurde. Dort gab es vorher nichts bzw. eine eher unbefriedigende „Gutschein-Lösung“ im Rahmen der steuerfreien Pauschale.

Nun gibt es klare Regelungen für alle: bei 25jähriger Zugehörigkeit gibt es eine Einmalzahlung von 2800 €, bei 40 Jahren 4500 € und bei den Schritten dazwischen – also 20, 30 und 35 Jahre - gibt es jeweils 1200 €. Und sollte jemand sogar 45 Jahre bei uns sein, dann gibt es individuellen Lösungen. Diese Klarheit tut gut, gibt Sicherheit und führt zur Gleichberechtigung. Und so muss das sein.

 

Kannst du noch ein paar Informationen zu eurem Konzern geben?

Wir haben 29 internationale Standorte rund um den Globus. Hier in Europa unter anderem in Frankreich, Italien, Schweden und Polen. Es gibt aber auch Standorte in den USA und Mexiko.

Ich bin Gesamtbetriebsratsvorsitzender in Deutschland, verantwortlich für die Werke in Remscheid und Neuwied. Als stellvertretender Konzernbetriebsratsvorsitzender gehört auch das Werk in der Nähe von Bamberg dazu.

Aus Russland haben wir uns als Konzern zurückgezogen. Den Gewinn aus den letzten Geschäften dort hat die Geschäftsleitung für die Ukraine gespendet. Es gab auch Hilfslieferungen in die Ukraine, die die Geschäftsleitung initiierte. Das finde ich richtig klasse.

 

Peter

Peter Hilbich am 3. Februar 2024 in Neuwied privat

Im Moment finden die Demonstrationen gegen rechts statt. Du hast an einigen für den DGB teilgenommen und auch gesprochen.

Warum engagierst du dich gegen rechts?

Wenn ich die Parteiprogramme rechter Vereinigungen, wie z. B. der AfD aufmerksam lese, finden sich darin sehr viele Verschlechterungen unter anderem im sozialen Spektrum. Es geht gegen den Mindestlohn oder für das alte Programm „Frauen an den Herd“.  Beeinträchtigte Kinder sollen in „speziellen, an ihren Bedürfnissen ausgerichteten Lerneinrichtungen“ untergebracht werden und damit die Inklusionsschulen abgeschafft. Das sind nur wenige Beispiele für das, wofür die AfD steht. Dass will ich nicht.

Mit den zuletzt bekannt gewordenen Treffen von AfD-Funktionären mit Identitären und Mitgliedern der rechtsextremen Szene, muss doch jedem klardenkenden Menschen auffallen, was hier läuft.

Eine solche Aufspaltung und Teilung der Gesellschaft mache ich nicht mit.

Ich lasse nicht zu, dass meine türkischen, italienischen, polnischen oder syrischen Kollegen und Kolleginnen der „Remigration“ zum Opfer fallen.

Deshalb gehe ich auf die Straße und stelle mich auf die Bühne. Und wenn durch mein Wirken auch nur ein AfD-Wähler oder -sympathisant zum Nachdenken angeregt wird, ist schon etwas erreicht.

 

Welche Bedeutung hat der DGB als Dachverband für dein Wirken?

Unter dem Dach des DGB finden sich acht Gewerkschaften wieder. Sie stehen für rund 6 Millionen Mitglieder. Über unterschiedliche Branchen, Industriezweige und Berufsgruppen hinweg sind wir eine sehr starke Stimme in der Gesellschaft. Ich bin froh und stolz darauf, ein Teil davon zu sein. Das stärkt den Rücken, macht stärker.

 

Du bist auch parteipolitisch engagiert, kandidierst jetzt für die SPD für den Neuwieder Stadtrat. Warum?

Und wie passt Gewerkschaft und Parteipolitik für dich zusammen?

Zu Beginn hatte ich schon davon gesprochen, dass nur dann etwas verändert werden kann, wenn man sich selbst dafür einsetzt. Vor Ort, wie auch in Region, im Land und Bund. „Lass´ das mal die anderen machen“, ist für mich keine Option.

„Auf Veränderung zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie am Bahnhof auf ein Schiff zu warten.“ Das gilt aus meiner Sicht im gewerkschaftlichen Sinne und auch im politischen.

Die Politik muss dazu da sein, den Menschen das Leben zu vereinfachen. Gewerkschaften und Parteien müssen dafür am selben Strang ziehen.

Die größten Schnittmengen sehe ich da nach wie vor bei der SPD. Ich wähle bereits seit über 40 Jahren SPD und werde es weiterhin tun.

Demokratie muss immer wieder erfahren werden, neu bewahrt werden und dafür muss man etwas tun. Ich möchte meinen Teil tun.

 

Du stehst kurz vor dem Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Kann ich das so sagen?

Welches Fazit ziehst du aus deinem gewerkschaftlichen Engagement?

Und gibt es etwas, was du noch erreichen möchtest?

Du meinst den Eintritt in die Rente? Ich arbeite bis zum Regeleintrittsalter. Meine Arbeit macht mir Spaß und ich kann sie noch tun. Das sind noch gut dreieinhalb Jahre. 

Das ist nicht mehr so viel Zeit, aber es ist noch viel zu tun. Der Generation nach mir, in Betrieb, in der Gewerkschaft und im DGB möchte ich den Weg bereiten für die Zukunft.

Wir haben viel erreicht und haben dennoch viel vor uns.

Auf das Erreichte können wir stolz sein und das bin ich auch. Für die Nachfolger in meinen Funktionen wünsche ich mir dasselbe.

Und wir stehen hier im Betrieb vor schwierigen Situationen: im Moment werden Maschinen nach Polen, nach Italien und in die Türkei verlagert. Und da muss man sich nichts vormachen: wenn Maschinen gehen, gehen auch Arbeitsplätze und damit Menschen. Und ich möchte, dass das möglichst sozialverträglich geht.

Ein Beispiel: als die Auftragslage schlecht war, wollte unsere Geschäftsleitung den gewerblichen und nur ihnen die Wochenarbeitszeit kürzen und ihnen natürlich auch weniger zahlen. Da haben wir die TBS eingeschaltet, die gewerkschaftliche Unternehmensberatung, und die hat uns echt gut geholfen. Die Pläne sind vom Tisch.

Gruppe

Selfie mit Bundeskanzler, Malu Dreyer und IGBCE Kollegen und Kolleginnen am 1. Mai in Koblenz 2023 privat

Wenn du einen Blick in die Zukunft wagst…

Gibt es etwas, das dich mit Zuversicht erfüllt?

Es wird häufig von einer „Null-Bock-Generation“ gesprochen. Das mag für einzelne Personen zutreffen, wie es auch schon immer und in jeder Generation zutraf.

Wenn ich mich in meinem Betrieb umschaue und sehe, mit welcher Intensität und Leidenschaft junge Beschäftigte und Auszubildende ihren Aufgaben nachgehen, dann macht mich das zuversichtlich, ist Hopfen und Malz noch lange nicht verloren. Auch die Engagements der „Millennials“ und der „Generation Z“ in Politik und Gesellschaft nehmen zu. Und das ist auch gut so.

Mir ist es wichtig, sich einzusetzen für die Dinge und Werte, an die man glaubt. Und das auch, selbst wenn man sich in der Minderheit fühlt.

Solidarität ist mir wichtig und wird im Moment in unserer Gesellschaft für viele wichtiger. Es macht mir Mut, wenn jetzt Tausende aufstehen und deutlich machen, wir sind die Mehrheit. Das ist gelebte Demokratie. So muss das sein.

 

Danke, Peter, für das Gespräch. Und dir alles Gute für die nächsten Jahre und eine gute Übergabe an die nächste Generation!

 

Das Gespräch führte Edith Sauerbier, DGB Koblenz


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