Deutscher Gewerkschaftsbund

25.10.2021

Interview mit Erwin Nachtsheim, NGG

Erwin

DGB

 

Gelernter Maschinenbauer

1995 – 2021 Betriebsratsmitglied bei Apollinaris – Coca-Cola, Ahrweiler

Seit April 2021 bezahlt freigestellt bis zum Renteneintritt durch Betriebsvereinbarung

Stellvertretender Vorsitzender im DGB Kreisverband Ahrweiler seit Sommer 2021

In 2022 seit 35 Jahren aktiv bei der freiwilligen Feierwehr in seinem Heimatort Sinzig-Westum

 

 

Was hat dich zu deinem gewerkschaftlichen Engagement gebracht?

Es geht mir um Gerechtigkeit. Menschen, die hart arbeiten, sollen auch gerecht und vernünftig behandelt werden: mit gutem Lohn, Pausen und so weiter. Dafür wollte ich mich immer einsetzen. Denn das steht uns zu: Nur wenn wir schaffen, kann der Konzern Gewinne machen.

Um mal eine Größenordnung zu geben:

Mit etwa 200 Mitarbeitern können wir mit den Anlagen, die wir haben, in 24 Stunden in drei Schichten bis zu 500.000 1-Liter Flaschen befüllen und bis zu 900.000 kleine Flaschen. Das ist schon was.

Bei Apollinaris sind wir zu 80 Prozent in der NGG organisiert und das ist gut so. Da kann der Arbeitgeber nicht mehr machen, was er will. Wir gehen auf die Straße oder blockieren auch mal unser Werk, damit er merkt, wir sind stark und lassen nicht alles mit uns machen. Wir müssen für unser Recht kämpfen, sonst sind wir verloren! Das sage ich auch immer den Kollegen und Kolleginnen.

 

Gibt es einen konkreten Erfolg aus deinem Engagement als Betriebsrat?

Ja, Ende der Neunziger wollte der Konzern uns die Überstunden nicht mehr auszahlen, wir sollten Freizeit nehmen. Und das hat mir nicht gefallen. Viele Kollegen hatten das Geld der Überstunden doch fest eingeplant und brauchten es. Der Werksleiter wollte jedoch, dass alles in Freizeit umgewandelt wird.

Ich erinnere mich noch gut an die Verhandlung. Sie war festgefahren. Ich machte dann den Vorschlag, einen Teil in Freizeit umzuwandeln und ab etwa der 20. Stunde wie bisher auszuzahlen. So ist es dann auch gekommen. Das war damals ein ungewöhnliches Ergebnis und hat wirklich allen geholfen.

Heute können wir wählen, ob wir Freizeit oder Geld wollen.

 

Du wohnst in Sinzig-Westum und warst damit ganz in der Nähe der Flut. Gibt es etwas, was dich berührt hat, was dich beeindruckt hat?

Es war am 14. Juli abends klar, dass Hochwasser kommen wird. Wir sind noch mit der Feuerwehr und Lautsprecher durch Sinzig gefahren und haben die Leute aufgerufen, in die oberen Stockwerke zu gehen. Der Landrat hatte noch nicht die Katastrophensituation ausgerufen, das kam erst viel später. Die Leute haben uns auch ausgelacht, als wir ihnen das empfahlen, weil sich keiner vorstellen konnte, dass die Ahr alles - im Umkreis von 250 m und mehr von ihrem normalen Flußbett – überschwemmen würde.

Und mit welcher Wucht! Und Kraft! Ich bin am nächsten Morgen nach Heimersheim zu meiner Schwester mit dem Traktor gefahren und habe unterwegs Bilder gesehen, die mich an Krieg erinnerten, es war alles zerstört. Wirklich unvorstellbar! Als ich ankam, musste ich mich erstmal setzen und durchschnaufen, bevor ich irgendetwas tun konnte.

Sie hatte mich angerufen, weil ihr Haus und ihre Werkstatt unter Wasser standen. Nachmittags war dann das Wasser am Sinken und wir begannen mit dem Schippen.

Irgendwann kam ich auf den Gedanken, nach Hause zu fahren und über eine Quelle bei uns im Ort Tanks mit frischem Wasser zu befüllen und nach Heimersheim zu bringen. Ich hatte noch drei Stück a 1000 Liter von meiner Zeit als nebenberuflicher Landwirt.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh die Leute waren, sich die Hände waschen zu können. Ich bin dann immer wieder hin und her gefahren und dufte auch die Straße befahren, die für die Rettungskolonnen freigehalten wurde. Die Polizisten winkten mich durch: „Ja, komm, fahr durch, die Leute brauchen das Wasser!“ Ich war richtig glücklich, den Menschen damit helfen zu können. Wir haben damit auch die Häuser ausgespritzt und sauber gemacht.

Ich bin dann auch in den Betrieb gefahren. Wir konnten ja fast zwei Wochen nicht produzieren, weil Gas und Strom fehlten. Die Geschäftsleitung hat alle KollegInnen weiterbezahlt und gesagt, dass die betroffenen Kollegen unterstützt werden sollen. Das finde ich großzügig. Ich habe Soforthilfe an die betroffenen Kollegen über die NGG und den DGB auszahlen können, habe sie bei den Papieren unterstützt.

Die große Hilfsbereitschaft hat mich sehr beeindruckt. Der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern. Es ist wichtig, dass die Gelder jetzt schnell bei den Betroffenen ankommen.

 

Was muss aus deiner Sicht jetzt beim Wiederaufbau beachtet werden?

Zuerst müssen die Kitas und die Spielplätze und auch die Schulen wieder hergestellt werden. Es muss etwas für die Kinder getan werden. Sie liegen mir am Herzen. Wenn sie erzählen, was sie erlebt haben, ist das schlimm. Ich habe kürzlich erlebt, dass ein Kind angefangen hat, seine Sachen einzupacken, und wegwollte, weil es regnete. Da ist jetzt tiefe Angst vor Regen und Starkregen. Das tut mir weh. Ich bin ja selbst Vater von vier Kindern und bin Opa für 7 Enkel. Ich will, dass es Kindern gut geht und beim Wiederaufbau zuerst an sie gedacht wird.

Ob alle zurückkommen, weiß ich nicht. Es gibt immer noch Häuser, in denen ist noch nichts gemacht – aus welchen Gründen auch immer: vielleicht will der Besitzer nicht mehr zurück, vielleicht kann er aber auch im Moment nichts tun, weil die Psyche kaputt ist. In solchen Fällen ist psychologische Hilfe nötig, das weiß ich aus eigener Erfahrung als Feuerwehrmann. Nicht alles kann man allein verarbeiten und da darf man nicht zu stolz sein, Hilfe zu suchen. Und die gibt es.

 

Was möchtest du in den nächsten Jahren mit dem DGB Ahrweiler erreichen? Wofür möchtest du dich einsetzen?

Ich würde gerne die Arbeitgeber beobachten. Sie dürfen jetzt weder Corona noch die Flut ausnutzen, z.B. indem sie Kurzarbeit anmelden, wo das gar nicht nötig ist. Und wir müssen aufpassen, was die Arbeitsverdichtung angeht: bei Apollinaris wird die Arbeit, die bis letztes Jahr von 12 Beschäftigten gemacht wurde, nun von neun getan. Das kann nicht gesund sein.

Was wir auch tun müssen meiner Meinung nach, ist den Wiederaufbau aufmerksam begleiten und gegebenenfalls Kritik äußern. Ich glaube, das ist unsere Aufgabe. Uns zu Wort melden und z.B. fordern, dass Kitas und Schulen vorrangig aufgebaut werden, damit die Kinder wieder schnell einen sicheren Platz zum Spielen und Lernen haben.

 

Danke, Erwin, für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Edith Sauerbier, DGB Koblenz.


Nach oben

Facebook
Instagram
YouTube
YouTube
DGB
DGB
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus RLP
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus RLP
DGB
DGB