Deutscher Gewerkschaftsbund

18.10.2021

Interview mit Sonja Spurzem, EVG

SoSp

DGB

Fahrdienstleiterin bei der DB Netz AG Koblenz

Freigestellte Betriebsrätin DB Netz AG Koblenz seit 2017

Mitglied bei der EVG seit 1989

Vorsitzende der Betriebsgruppe EVG Netz Koblenz,

Mitglied im Ortsverband der EVG Koblenz und

Mitglied im Landesverband der EVG Rheinland-Pfalz

Wohnt im Landkreis Ahrweiler und ist seit kurzem auch im Vorstand des DGB Kreisverband Ahrweiler engagiert

 

Gab es einen Auslöser für dein gewerkschaftliches Engagement?

Mitglied in der EVG  bin ich seit meiner Ausbildung  1989 und bin gewerkschaftlich da schon mit der Arbeit in der Jugendvertretung gestartet. Es war mir immer wichtig, sich zusammen zu tun, um Veränderungen zu bewirken. Motzen allein gilt nicht! Man muss sich auch selbst engagieren und für Veränderung einsetzen.

2010 bin ich über eine freie Wählerliste in den Betriebsrat gewählt worden. Seit 2017 bin ich freigestellt. Ich mache diese Arbeit gern und wichtig für mich ist, den direkten Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen zu pflegen.  

Um den KollegInnen beizustehen, bin ich in Notfällen Tag und Nacht zu erreichen. Und das wissen die KollegInnen. Wenn es z.B. einen Unfall im Eisenbahnbetrieb gibt, kann ich jederzeit dazu gerufen werden, um dem Betreffenden beizustehen und auch als Zeugin bei Gesprächen mit Staatsanwaltschaft dabei zu sein. Es ist mir wichtig, die KollegInnen in solchen Situationen nicht allein zu lassen und sie auch zu schützen. 

Es ist mir sehr bewusst, dass wir als Betriebsrat manchmal unliebsame Entscheidungen treffen müssen.

Ein ganz konkretes und aktuelles Beispiel: durch die Flutkatastrophe haben wir zurzeit 65 Beschäftigte, die nicht an ihren üblichen Arbeitsplätzen eingesetzt werden können. Wir haben sowohl die Politik als auch die Konzernleitung um Unterstützung gebeten und keine bekommen, sondern mussten regional eine Lösung finden. Das ist durch eine Betriebsvereinbarung geschehen. Wir haben mit Hilfe des Demografie Tarif Vertrags eine kollektive Arbeitszeitreduzierung und monatlichen Entgeltausgleich vereinbart, um eine Beschäftigungssicherung zu erreichen.  Das ist für mich ein Akt der Solidarität. Und gleichzeitig ist diese Betriebsvereinbarung nicht von allen gut geheißen worden. Für uns als Betriebsrat war es die beste Lösung: ein Sozialplan hätte andere Nachteile gehabt und für Kurzarbeit erfüllten wir nicht die notwendigen Kriterien.

 

Dann lass uns zunächst beim Thema Flut bleiben:

Was hat dich bezüglich der Flutkatastrophe am meisten berührt und bewegt?

Zunächst einmal die Gewalt der Flut und das ganze Ausmaß der Zerstörung. Wir waren ja schon am ersten Tag in dem Gebiet unterwegs und was wir gesehen haben, war unfassbar.

Ich war froh, dass wir den Verkehr am Tag vorher abends früh genug eingestellt haben, so dass kein Kollege bzw. Kollegin im Dienst in Gefahr geraten ist.

Es war einfach ein riesengroßer Schrecken, dass die Ahr nicht wie erwartet mit viel Wasser in ihrem Flussbett nach Ahrweiler hineinfloss, sondern die Wassermassen über die Straße sozusagen von hinten kamen. Viele KollegInnen waren im Wasser, konnten in ihren Häusern in die oberen Räume flüchten, es gibt aber auch andere, die in den Fluten waren und stundenlang auf Rettung z.B. von einem Gerüst warteten.

Und gleichzeitig bin ich beeindruckt davon, dass die Leute vor Ort sich nicht haben unterkriegen lassen, sondern voller Lebensfreude sind und den Willen haben, alles wiederaufzubauen.

Wir haben einige Kollegen, die alles verloren haben, und da hat mich die Solidarität unter uns berührt, wie viele mit angepackt haben beim Aufräumen und auch wie viele Sachspenden innerhalb kurzer Zeit zusammenkamen.

Es wurde ganz schnell  ein Spendenkonto eingerichtet mit Hilfe des Bahnsozialwerks „Eisenbahner für Eisenbahner“, DEVK, EVG und Arbeitgeber und da sind bisher 1,9 Mill € Spenden  eingegangen, die durch den Arbeitgeber zum Teil verdoppelt werden, so dass wir betroffene KollegInnen und Kollegen beim Wiederaufbau und beim Renovieren der Häuser unterstützen können. Das freut mich sehr.

Wir haben uns auch um Ferienwohnungen für betroffene KollegInnen gekümmert, damit sie eine Unterkunft für die Zwischenzeit haben, haben Trockengeräte organisiert und Material besorgt. Dazu kam, dass der Arbeitgeber bereitwillig KollegInnen freigestellt hat und so das Ganze auch unterstützt hat.

Was mich auch noch berührt hat, ist dieser spontane Impuls bei ganz vielen gewesen, helfen zu wollen, ohne erst zu fragen, wer erstattet mir das oder darf ich das. So viele Menschen haben sich auf den Weg gemacht, sind gekommen, haben die Ärmel hochgekrempelt, angepackt und losgelegt und standen im Dreck.

Es war eine gelungene Aktion mit Sebastian Hebeisen, Geld aus der „Soforthilfe Gewerkschaften helfen" des DGB an betroffene KollegInnen auszuzahlen. Dafür waren wir zusammen unterwegs im Flutgebiet.

Ich hoffe, dass die Region schnell wiederaufgebaut wird - mit einer sicheren Zukunftsperspektive. Und was für mich deutlich ist: wenn die Infrastruktur jetzt wiederaufgebaut wird, müssen Maßnahmen für den Katastrophenschutz ein wichtiger Teil davon sein. Eine Wiederholung der Flut muss verhindert werden.

sosp

DGB

Welche Themen beschäftigen dich noch als Betriebsrätin?

Ganz zentral ist für mich die Wertschätzung, die die Basis vor allem durch höhere Löhne erhalten sollte. Da muss sich etwas ändern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Manager wirklich weiß, was unsere Kollegen und Kolleginnen bei Wind und Wetter draußen, Tag und Nacht 365 Tage im Jahr leisten müssen und damit dafür sorgen, dass die KundInnen zufrieden sind.

Ich wünsche mir auch und setze mich dafür ein, dass Schichtarbeit eine frühere Rente ohne Abschläge möglich macht. Schichtarbeit geht auf die Gesundheit und manche körperlich anstrengende Arbeit ist mit 65 oder 67 Jahren auch nicht mehr zu leisten.

Mich beschäftigen auch die Auswirkungen der Coronapandemie, die daraus entstandene Digitalisierung. Der Klimawandel und die Energiewende. Alle diese Themen werden viel Geld kosten. Ich bin fest davon überzeugt, dass Betriebsräte und Gewerkschaften in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen werden, um die KollegInnen in Ihren Betrieben zu schützen.

Für mich in der Betriebsratstätigkeit werden immer die Themen Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichbehandlung an erster Stelle stehen. Um dies in unserem Betrieb für die KollegInnen auch umsetzen zu können, habe ich mir vorgenommen, meine politischen und gewerkschaftlichen Kontakte weiter auszubauen, die Erfahrungen der älteren KollegInnen zu nutzen und meine Ausbildung in der Betriebsratsakademie erfolgreich abzuschließen.

 

Welche Erfolge der EVG aus den letzten Jahren freuen dich?

Das ist die Umsetzung des Ergebnisses unserer Mitgliederbefragung innerhalb der EVG: viele KollegInnen haben sich für eine bessere Altersvorsorge, mehr Freizeit und weniger Geld entschieden. Daraus haben wir nun ein Wahlmodell entwickelt, das im vereinbarten Rahmen jedes Jahr neu individuell festgelegt werden kann.

Worauf ich auch stolz bin, ist unsere besondere Teilzeit im Alter: wer das 59. Lebensjahr vollendet hat, arbeitet 81 % bei 90 % Bezügen. Für viele ist das ein attraktives Angebot.

Und vielleicht noch eines: mich beschäftigt als EVGlerin auch das Verhältnis zu der kleineren Gewerkschaft in unserem Konzern. Dabei geht es mir nicht um den Vergleich, wer die bessere Gewerkschaft ist. Mir ist wichtig, dass wir uns nicht in diesem Kreisen um uns selbst verlieren, sondern mein Blick liegt bei den Mitgliedern und bei den Problemen vor Ort. Um diese haben wir uns als Gewerkschaft zu kümmern.

Vielleicht noch eine politische Aussage: aus meiner Sicht sind Tarifverhandlungen kein Thema, wo sich die Politik einmischen darf. Da gibt es eine Aufgabenverteilung zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften auf der einen Seite und Politik auf der anderen Seite: Politik hat sich um die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu kümmern und mehr nicht.

 

Seit kurzem arbeitest du im Vorstand des DGB Kreisverband Ahrweiler mit. Was ist daran für dich attraktiv?

Was ich toll finde, ist die Sicht auf andere Gewerkschaften und andere Branchen. Ich freue mich auf mehr Einblicke, um die Unterschiede und auch die Gemeinsamkeiten zu sehen, wir sind alle GewerkschafterInnen. Und ich will mich mit meiner Sichtweise einbringen.

Ich habe vorhin schon etwas zum Katastrophenschutz gesagt, den ich beim Wiederaufbau im Ahrtal so wichtig finde. Der DGB Kreisverband könnte das Gremium sein, das entsprechende Forderungen stellt und den Aufbau kritisch begleitet. Wir wohnen in der Region und bringen Expertise aus unterschiedlichen Bereichen mit. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit im Vorstand.

Ein nächster wichtiger Punkt ist der jährliche Naziaufmarsch in Remagen, wo wir uns als Vorstand wieder bei den Gegenveranstaltungen engagieren werden.

 

Danke, Sonja, für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Edith Sauerbier, DGB Koblenz


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